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Was ist eigentlich Rebellion?

Neulich habe ich so ein Interview gelesen. Super Anfang, ich weiß. Da will man sofort erfahren, wie DER Text wohl weiter geht. Ich werd´s ihnen verraten. Nämlich so:

Neulich habe ich so ein Interview gelesen. Aber leider kein Gutes. Eher so eines der Art, wo dumme Sätze gerne mal zum Sterben hingehen. Ein regelrechter Gnadenhof der Spießigkeit.

„Alkohol hat ja auch viel mit Rebellion zu tun“, stand da gesprochen.

Da bin ich kurz eingeschlafen. Als ich dann aus unruhigen Träumen erwachte, fand ich mich leider nicht zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Was schade ist. Musste ich wohl oder übel weiterlesen. Oder über diesen Satz nachdenken. Beides keine schönen Aussichten.

Wenn das jetzt für sie arg negativ klingt – herzlichen Glückwunsch. Schön, dass sie mitkommen. Denn, mal ehrlich: was hat denn Alkohol bitte mit Rebellion zu tun? Dass Alkohol rebellisch sei – das hat sich doch auch nur irgendeine Werbeagentur in Berlin mal so ausgedacht. Die Revolution säuft vielleicht – aber deshalb ist saufen noch lange keine Revolution. Gott, wie mich das alles aufregt.

Auch ein guter Satz: Rebellion ist ja alles, was laut ist und stört.

Schöne Grüße aus dem intellektuellen Wachkoma.

Baustellen also auch. Wer hätte es geahnt. Wenn ich das nächste mal auf der A40 im Stau stecke – kann ich mich endlich als Teil der Bewegung begreifen. Obwohl ich stehe. Schöne neue Welt. Gleich erstmal ein Bild von Che Guevara posten.

Und beruhigen. Ganz wichtig. Tief in die Discounter-Tüte atmen. Was ihr meint – ist Protest.

Ich glaube, wir machen uns Rebellion zu einfach – indem wir uns das Gefühl davon großdenken. Ein bisschen romantisch fast. Da passt es natürlich gut ins Bild, das laute lallen am Tresen und inniges mitnuscheln einzelner Pink-Floyd-Textfragmente als Auflehnung gegen „die da oben“ wahrzunehmen. Und am Ende pisst man noch schön ans Rathaus und kloppt ein Einbahnstraßenschild kaputt. Richtig was getan.

Für mich ist Rebellion ja was anderes. Beim Buchhändler um die Ecke kaufen, zum Beispiel. Statt bei amazon. Sogar, wenn man dafür vorher vielleicht mal duschen gehen müsste. Aber es hat auch niemand gesagt, dass es einfach werden würde. Und richtig romantisch ist es auch nicht. Nichts, bei dem man die Haare so schön verwegen im Wind wehen lassen könnte. Wir sind nun mal keine Piraten.

Rebellen tragen keine Lederjacken. Sondern was sie glücklich macht.

Wenn das jetzt zufällig Lederjacken sind – cool. Wenn nicht: auch cool. Hauptsache, man hört diesen Instagram-Hackfressen nicht mehr zu, die einem erzählen wollen, was man jetzt am besten trägt, um als individuell zu gelten. Wie man sich schminkt und wie viel man wiegen muss, um glücklich zu sein. Dass man 2019 nur noch Tannennadeln und Würmer essen sollte – weil das jetzt ganz for real das neue Superfood sei. Und Sonntags ein mittelgroßes Stück Torf. So man denn vorher einen Marathon gelaufen ist. Man muss sich ja auch mal was gönnen.

Das komplette Geschäftsmodell dieser fucking Wellness-Industrie besteht ja darin, uns einzureden, dass wir alle nicht besonders well sind. Well, well. Keine große Erkenntnis so weit. Wäre es nicht total rebellisch, das einfach nicht mehr glauben zu müssen? Zufrieden sein als große Auflehnung? Warum nicht? Warum eigentlich nicht?

Rebellion muss nicht immer laut sein. Aber inspirieren, das sollte sie vielleicht. Also nicht gegen etwas sein. Sondern für etwas. Und das dann einfach leben. Nicht nur darüber reden, dass das ja irgendwie ganz gut wäre.

Denn das eigene Handeln ist die mächtigste Stimme, die man hat.

In dem Sinne ist Rebellion vielleicht etwas ganz anderes, als ich selbst noch am Anfang vermutet habe. Vielleicht fängt es damit an, mich selbst zu ändern. Wie ich auf Dinge reagiere. Den Trollen kein Futter mehr. Mich radikal okay finden, egal, was die Influencer sagen. Von mir aus auch saufen und rumbrüllen, wenn mir mal danach ist. Irgendwas vorleben, was dann nachgelebt werden kann, wenn irgendwer das gut findet. Nicht mehr darüber nachdenken, was Rebellion nun ist. Sondern so sein, wie ich sein möchte.

Dazu gehört auch, nicht mehr jeden Scheiß bei Facebook zu kommentieren, der mir quer geht. Stattdessen schreibe ich da jetzt Blogartikel drüber. Die Wut nicht mehr in diesem virtuellen Eintopf verkochen lassen, sondern zumindest mal mehr als zwei Zeilen darüber schreiben. Letztlich ist es egal, ob dies hier jemand liest. Aber ich habe für mich etwas produktives aus diesem beschissenen Interview gemacht, und eben nicht einfach einen wütenden Satz drunter geschrieben. Ich habe wesentlich mehr Sätze darüber geschrieben. Und nachgedacht. Und nachdenken, weshalb einen etwas wütend macht – ist doch zumindest mal wieder ein Anfang.

 

 

 

 

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