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Fett geworden

Ich bin fett geworden. Also, jetzt nicht körperlich. Also, auch, aber das meinte ich nicht. Eher so im Kopf.

Ich schreibe diesen Text, während ich auf einem meiner arschbequemen Sessel sitze, die die 70er irgendwie in meinem Wohnzimmer vergessen haben. In den 70ern war ja vieles anders. Holzfußböden zum Beispiel, die gabs damals anscheinend noch nicht. Anders kann ich mir diese Rollen unter meinen Sesseln eigentlich nicht wirklich plausibel erklären. War wahrscheinlich alles gefliest, damals. Oder mit Teppich ausgegossen. Und wenn es doch Holzboden gab, hat man den damals allem Anschein nach so sehr gehasst, dass sie dann einfach meine Sessel da hingestellt haben, um das möglichst effizient abzuschaben. Denn diese Rollen – diese Rollen fräsen sich mit jeder Nanometerbewegung tiefer in das eigentlich doch recht ansehnliche Dielenfest, welches meine Wohnung kleidsam unterschmeichelt. Wer da jetzt nicht mitkam: der Holzboden ist schön. Oder: er war es. Bis vor einigen Wochen. Da habe ich diesen Sessel nämlich in einem Anflug von Minimalismuswahn von seinem zugegebenermaßen sehr hässlichen Teppich (nicht aus den 70ern, aber immerhin Ikea) weg- und vor meine Balkontür geschoben, um beim Schreiben ganz großstädtisch auf die leerstehende Bürofläche gegenüber glotzen zu können. Aussicht ist ja ganz wichtig beim Schreiben, und so ein paar sterbende Tomatenreste auf dem Balkon und dahinter eine seit drei Jahren unvermietete Büroetage – das passt ganz gut zu meinem Lebensgefühl gerade.

„Und, was gibt´s bei dir so neues?“

„Ich ruiniere seit drei Wochen meinen Fußboden mit so einem Rollsessel. Hat ein paar sehr spannende Prozesse in Gang gesetzt.“

Denn ich weiß. Ich sehe die doch erstaunlich tiefen Kerben, die sich Canyon-esk durch mein Wohnzimmer Richtung Balkontür winden. Und eigentlich müsste ich nur den fucking Teppich wieder drunter legen. Oder mir einen neuen, weniger hässlichen kaufen. Aber ich tue es nicht. Und jedes Mal, wenn ich hier sitze, denke ich: oha, der schöne Boden, den wirst du abschleifen müssen, wenn du hier ausziehst und das pittoreske Bürowüstenpanorama aufgibst.

Pragmatischer Geist, der ich bin, beschließe ich also, statt Teppich einfach nie wieder umzuziehen.

Fett geworden. Alle reden von Selbstverwirklichung, während ich Angst habe vor dem Tag, an dem ich mit meinem Auto einen dieser seltenen, kostenfreien Parkplätze in der Innenstadt finde. Denn bevor ich den aufgebe – kaufe ich mir wahrscheinlich einfach noch ´n Auto. Weil das erste so einen guten Parkplatz hat. Irgendwo ist da bestimmt eine ganz passable Allegorie drin zu finden.

Was wäre der Mensch ohne sein Gewicht?

Man müsste endlich mal wieder aufstehen. Aber sitzen ist ja angeblich das neue Rauchen – und irgendein Laster braucht der Mensch ja. Gerade, wenn er irgendwann mal umziehen will. Was sich aber wiederum mit dem Sitzen unfassbar schlecht verträgt.

Gegen Ende eines Textes gebietet es oftmals die Höflichkeit, vielleicht die eine oder andere Antwort parat zu haben. Aber ich bin der Antworten, offen gesagt, etwas müde. Wo Fragen doch so viel spannender sind.

Wann ist man fett, zum Beispiel? Und was lässt sich dagegen tun? Gibt es Sport für die Seele? Muss ich dazu in einen Verein eintreten? Und gibt es hier vielleicht jemanden, der hobbymäßig auf hohem Niveau Fußböden abschleift und morgen früh Zeit hat?

Ich hätte da nämlich eine spannende Möglichkeit, dich selbst zu verwirklichen.

 

Kommentare (2)

  1. Fragt nach Sport für die Seele und schreibt das in einem Blog. Ich lass mir meine Paradoxa ja wirklich gerne auf dem Silbertablett servieren. 🙂
    Aber spannend, anscheinend ist die Zeit nach Weihnachten für diese Art Selbstreflexion gemacht; zuviel gefressen, arschdunkel draussen, kalt, ungemütlich. Da sitzt man schon mehr als alles andere und kommt ins Grübeln ob’s denn nicht auch anders geht.
    Wird halt Zeit für ’ne Fortbildung. Oder sowas. Futter für’s Hirn. Raus aus dem Trott.
    Aber aufstehen ist ja manchmal doch schwerer als man denkt … daher wohl auch dieser Blog …
    Übrigens: wenn man sich vertippt kommt als erstes „Fortblödung“. Da würde ich auch dran teilnehmen.

  2. Tja Tobi. Raus aus dem Sessel raus aus der Watte die Seele umgibt, beschützt.. Gehört Mut dazu? Weiß nicht. Ich mach es mal wieder. Und ja, Fett ist auch teil davon . 😎 Kein emoji trifft den Punkt

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