Monat: Januar 2019

  • Die

    Die

    Ich habe gerade eine alte Frau angeschrien. Was erstaunlich gut tat. Macht man ja sonst eher selten. Gut, eigentlich habe ich ihr nur sehr laut eine Frage gestellt. Immer wieder. Bis sie dann sehr wütend – und wütend – in ihrer sehr kleinen Welt verschwand.

    Ich habe sie natürlich nicht einfach so zum Spaß angeschrien. Eigentlich kam ich gerade gutgelaunt aus meinem Supermarkt spaziert. Aber dann war da die alte Frau und verwickelte einen jungen Palästinenser mit Fahrrad in ein sehr lautes, aber vor allem sehr einseitiges Gespräch darüber, dass man hier im Bermuda3Eck nicht Fahrrad fahren solle.

    So weit, so unwichtig. Menschen streiten sich eben.

    Und dann ging die alte Frau von dannen, und hier wird die Sache ein bisschen interessanter, denn sie schabte sich noch einen dieser unfassbar schönen Sätze aus der Energiespar-Seele.

    „Die machen hier doch, was sie wollen.“

    Huch, dachte ich. Wer sind denn diese „die“, von denen man so viel Schlechtes hört?

    Da ich keine Antwort wusste – gab ich die Frage einfach mal spontan an die alte Dame weiter. Über fünf Meter Asphalt hinweg.

    „Wer sind denn ‚die?‘“, fragte ich.

    Die Dame ging weiter. Aber ich war wirklich, wirklich neugierig. Also fragte ich nochmal.

    Das ist ja immer sehr schön. Wenn man so laut fragt, dass sich zehn Leute angesprochen fühlen, auch gerne in der Bäckerei nebenan und oben im zweiten Stock noch, aber eben die eine Person, von der man wirklich dringend etwas wissen möchte – ist leider einfach zu taub. Ist bestimmt das Alter, nahm ich an, und fragte der Höflichkeit halber noch lauter nach, wer ‚die‘ denn nun seien.

    Man kann so eine Situation natürlich zu Tode reiten, dachte ich mir. Andererseits hab ich gerade eigentlich auch nix besseres vor.

    Wenn Sie also gerade vielleicht ´n kafkaeskes Gespräch brauchen können – ich hätte da eins über.

    „Wissen Sie, da vorne steht ein Schild, dass das hier eine Fußgängerzone ist.“

    „Wer sind denn ‚die‘?“

    „Und einmal, da ist mir meine Brille – fragen sie mal da vorne in der Pinte.“

    „Wer sind denn ‚die‘?“

    „Ich bin letztens fast umgefahren worden.“

    „Wer sind denn ‚die‘?“

    „Na, diese…“

    „Ja?“

    „Wissen Sie, da vorne steht ein Schild. Und letztens, da bin ich fast…“

    „Ach so. Aber nicht der Mann gerade, oder?“

    „Meine Brille. Da können Sie mal in der Pinte fragen.“

    „Nochmal die Frage: wen meinen Sie denn, wenn sie ‚die‘ sagen?“

    Wusste die Frau jetzt auch keine Antwort drauf. Also drehte sie sich um und trottelte souverän davon, während sie noch etwas von „im eigenen Land“ vor sich hin dummte.

    Da konnte ich nicht anders, als noch einmal schnell meinen inneren Papa zu channeln.

    „Sowas will ich hier nicht hören.“

    Spannende Erfahrung, so auch mal mit Menschen zu reden, die man a) nicht gezeugt hat und b) doppelt so alt sind, wie man selbst. Kann ich jedem nur empfehlen. Einfach mal ´ne interessierte Frage stellen, weil einem etwas unklar ist. Gerne mehrmals, wenn es sein muss auch lauter. Vielleicht weiß ja einer der Umstehenden die Antwort. Wer sind wir denn, wenn wir uns bei diesen bohrenden Fragen alleine lassen?

    Eben.

     

     

  • Was ist eigentlich Rebellion?

    Was ist eigentlich Rebellion?

    Neulich habe ich so ein Interview gelesen. Super Anfang, ich weiß. Da will man sofort erfahren, wie DER Text wohl weiter geht. Ich werd´s ihnen verraten. Nämlich so:

    Neulich habe ich so ein Interview gelesen. Aber leider kein Gutes. Eher so eines der Art, wo dumme Sätze gerne mal zum Sterben hingehen. Ein regelrechter Gnadenhof der Spießigkeit.

    „Alkohol hat ja auch viel mit Rebellion zu tun“, stand da gesprochen.

    Da bin ich kurz eingeschlafen. Als ich dann aus unruhigen Träumen erwachte, fand ich mich leider nicht zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Was schade ist. Musste ich wohl oder übel weiterlesen. Oder über diesen Satz nachdenken. Beides keine schönen Aussichten.

    Wenn das jetzt für sie arg negativ klingt – herzlichen Glückwunsch. Schön, dass sie mitkommen. Denn, mal ehrlich: was hat denn Alkohol bitte mit Rebellion zu tun? Dass Alkohol rebellisch sei – das hat sich doch auch nur irgendeine Werbeagentur in Berlin mal so ausgedacht. Die Revolution säuft vielleicht – aber deshalb ist saufen noch lange keine Revolution. Gott, wie mich das alles aufregt.

    Auch ein guter Satz: Rebellion ist ja alles, was laut ist und stört.

    Schöne Grüße aus dem intellektuellen Wachkoma.

    Baustellen also auch. Wer hätte es geahnt. Wenn ich das nächste mal auf der A40 im Stau stecke – kann ich mich endlich als Teil der Bewegung begreifen. Obwohl ich stehe. Schöne neue Welt. Gleich erstmal ein Bild von Che Guevara posten.

    Und beruhigen. Ganz wichtig. Tief in die Discounter-Tüte atmen. Was ihr meint – ist Protest.

    Ich glaube, wir machen uns Rebellion zu einfach – indem wir uns das Gefühl davon großdenken. Ein bisschen romantisch fast. Da passt es natürlich gut ins Bild, das laute lallen am Tresen und inniges mitnuscheln einzelner Pink-Floyd-Textfragmente als Auflehnung gegen „die da oben“ wahrzunehmen. Und am Ende pisst man noch schön ans Rathaus und kloppt ein Einbahnstraßenschild kaputt. Richtig was getan.

    Für mich ist Rebellion ja was anderes. Beim Buchhändler um die Ecke kaufen, zum Beispiel. Statt bei amazon. Sogar, wenn man dafür vorher vielleicht mal duschen gehen müsste. Aber es hat auch niemand gesagt, dass es einfach werden würde. Und richtig romantisch ist es auch nicht. Nichts, bei dem man die Haare so schön verwegen im Wind wehen lassen könnte. Wir sind nun mal keine Piraten.

    Rebellen tragen keine Lederjacken. Sondern was sie glücklich macht.

    Wenn das jetzt zufällig Lederjacken sind – cool. Wenn nicht: auch cool. Hauptsache, man hört diesen Instagram-Hackfressen nicht mehr zu, die einem erzählen wollen, was man jetzt am besten trägt, um als individuell zu gelten. Wie man sich schminkt und wie viel man wiegen muss, um glücklich zu sein. Dass man 2019 nur noch Tannennadeln und Würmer essen sollte – weil das jetzt ganz for real das neue Superfood sei. Und Sonntags ein mittelgroßes Stück Torf. So man denn vorher einen Marathon gelaufen ist. Man muss sich ja auch mal was gönnen.

    Das komplette Geschäftsmodell dieser fucking Wellness-Industrie besteht ja darin, uns einzureden, dass wir alle nicht besonders well sind. Well, well. Keine große Erkenntnis so weit. Wäre es nicht total rebellisch, das einfach nicht mehr glauben zu müssen? Zufrieden sein als große Auflehnung? Warum nicht? Warum eigentlich nicht?

    Rebellion muss nicht immer laut sein. Aber inspirieren, das sollte sie vielleicht. Also nicht gegen etwas sein. Sondern für etwas. Und das dann einfach leben. Nicht nur darüber reden, dass das ja irgendwie ganz gut wäre.

    Denn das eigene Handeln ist die mächtigste Stimme, die man hat.

    In dem Sinne ist Rebellion vielleicht etwas ganz anderes, als ich selbst noch am Anfang vermutet habe. Vielleicht fängt es damit an, mich selbst zu ändern. Wie ich auf Dinge reagiere. Den Trollen kein Futter mehr. Mich radikal okay finden, egal, was die Influencer sagen. Von mir aus auch saufen und rumbrüllen, wenn mir mal danach ist. Irgendwas vorleben, was dann nachgelebt werden kann, wenn irgendwer das gut findet. Nicht mehr darüber nachdenken, was Rebellion nun ist. Sondern so sein, wie ich sein möchte.

    Dazu gehört auch, nicht mehr jeden Scheiß bei Facebook zu kommentieren, der mir quer geht. Stattdessen schreibe ich da jetzt Blogartikel drüber. Die Wut nicht mehr in diesem virtuellen Eintopf verkochen lassen, sondern zumindest mal mehr als zwei Zeilen darüber schreiben. Letztlich ist es egal, ob dies hier jemand liest. Aber ich habe für mich etwas produktives aus diesem beschissenen Interview gemacht, und eben nicht einfach einen wütenden Satz drunter geschrieben. Ich habe wesentlich mehr Sätze darüber geschrieben. Und nachgedacht. Und nachdenken, weshalb einen etwas wütend macht – ist doch zumindest mal wieder ein Anfang.

     

     

     

     

  • Fett geworden

    Fett geworden

    Ich bin fett geworden. Also, jetzt nicht körperlich. Also, auch, aber das meinte ich nicht. Eher so im Kopf.

    Ich schreibe diesen Text, während ich auf einem meiner arschbequemen Sessel sitze, die die 70er irgendwie in meinem Wohnzimmer vergessen haben. In den 70ern war ja vieles anders. Holzfußböden zum Beispiel, die gabs damals anscheinend noch nicht. Anders kann ich mir diese Rollen unter meinen Sesseln eigentlich nicht wirklich plausibel erklären. War wahrscheinlich alles gefliest, damals. Oder mit Teppich ausgegossen. Und wenn es doch Holzboden gab, hat man den damals allem Anschein nach so sehr gehasst, dass sie dann einfach meine Sessel da hingestellt haben, um das möglichst effizient abzuschaben. Denn diese Rollen – diese Rollen fräsen sich mit jeder Nanometerbewegung tiefer in das eigentlich doch recht ansehnliche Dielenfest, welches meine Wohnung kleidsam unterschmeichelt. Wer da jetzt nicht mitkam: der Holzboden ist schön. Oder: er war es. Bis vor einigen Wochen. Da habe ich diesen Sessel nämlich in einem Anflug von Minimalismuswahn von seinem zugegebenermaßen sehr hässlichen Teppich (nicht aus den 70ern, aber immerhin Ikea) weg- und vor meine Balkontür geschoben, um beim Schreiben ganz großstädtisch auf die leerstehende Bürofläche gegenüber glotzen zu können. Aussicht ist ja ganz wichtig beim Schreiben, und so ein paar sterbende Tomatenreste auf dem Balkon und dahinter eine seit drei Jahren unvermietete Büroetage – das passt ganz gut zu meinem Lebensgefühl gerade.

    „Und, was gibt´s bei dir so neues?“

    „Ich ruiniere seit drei Wochen meinen Fußboden mit so einem Rollsessel. Hat ein paar sehr spannende Prozesse in Gang gesetzt.“

    Denn ich weiß. Ich sehe die doch erstaunlich tiefen Kerben, die sich Canyon-esk durch mein Wohnzimmer Richtung Balkontür winden. Und eigentlich müsste ich nur den fucking Teppich wieder drunter legen. Oder mir einen neuen, weniger hässlichen kaufen. Aber ich tue es nicht. Und jedes Mal, wenn ich hier sitze, denke ich: oha, der schöne Boden, den wirst du abschleifen müssen, wenn du hier ausziehst und das pittoreske Bürowüstenpanorama aufgibst.

    Pragmatischer Geist, der ich bin, beschließe ich also, statt Teppich einfach nie wieder umzuziehen.

    Fett geworden. Alle reden von Selbstverwirklichung, während ich Angst habe vor dem Tag, an dem ich mit meinem Auto einen dieser seltenen, kostenfreien Parkplätze in der Innenstadt finde. Denn bevor ich den aufgebe – kaufe ich mir wahrscheinlich einfach noch ´n Auto. Weil das erste so einen guten Parkplatz hat. Irgendwo ist da bestimmt eine ganz passable Allegorie drin zu finden.

    Was wäre der Mensch ohne sein Gewicht?

    Man müsste endlich mal wieder aufstehen. Aber sitzen ist ja angeblich das neue Rauchen – und irgendein Laster braucht der Mensch ja. Gerade, wenn er irgendwann mal umziehen will. Was sich aber wiederum mit dem Sitzen unfassbar schlecht verträgt.

    Gegen Ende eines Textes gebietet es oftmals die Höflichkeit, vielleicht die eine oder andere Antwort parat zu haben. Aber ich bin der Antworten, offen gesagt, etwas müde. Wo Fragen doch so viel spannender sind.

    Wann ist man fett, zum Beispiel? Und was lässt sich dagegen tun? Gibt es Sport für die Seele? Muss ich dazu in einen Verein eintreten? Und gibt es hier vielleicht jemanden, der hobbymäßig auf hohem Niveau Fußböden abschleift und morgen früh Zeit hat?

    Ich hätte da nämlich eine spannende Möglichkeit, dich selbst zu verwirklichen.